
Es war ein Abend mit Symbolcharakter. Beim 30-jährigen Jubiläum des Hurricane Festivals in Scheeßel spielten Kraftklub erstmals in ihrer Karriere den Headliner-Slot auf dem wichtigsten Bühnenplatz des Tages – der Forest Stage. Und wer wissen will, warum dieser Moment mehr bedeutete als ein weiterer Festivalauftritt, muss die Geschichte einer Band verstehen, die als Schülergruppe im sächsischen Chemnitz begann, Songs der Punk-Veteranen The Offspring nachahmte – und am Abend des 19. Juni 2026 direkt nach eben jenen Offspring die größte Bühne des Abends übernahm.
35 Grad am Nachmittag: Der Freitag beginnt glühend heiß
Das Hurricane hat in drei Jahrzehnten seinem Ruf als wetterlaunisches Festival alle Ehre gemacht, und auch zum Jubiläum hielt die Natur ihren Teil der Tradition aufrecht. Am Nachmittag schickte der Sommer extreme Hitze auf den Eichenring: 35 Grad in praller Sonne, vollständig durchnässte Shirts und Menschen, die sich mit feuchten Tüchern zu kühlen versuchten. Vor der Mountain Stage geriet die frühe Szene zur schweißtreibenden Geduldsprobe, bevor der Abend seine musikalische Fahrt aufnahm.
Dort trat unter anderem die geheimnisvolle Formation President auf, deren Frontmann in weißen Handschuhen, akkuraten Anzug und Gummimaske agierte, als wäre Anonymität das einzige Konzept, das auf einem Festival dieser Größe noch Sinn ergibt. Wieviel Hitze sich unter der Maske sammelte, ließ der Sänger das Publikum gnädigerweise nicht wissen.
Royel Otis und die Kunst der lässigen Vorbereitung
Als Übergangsmoment vor den lauteren Abendstunden fungierten Royel Otis, ein australisches Indie-Pop-Duo, das mit einer entspannten, fast lässigen Bühnenattitüde punktete. Der Sänger verbarg sein Gesicht weitgehend hinter seinem Haar, was der entspannten Gesamtstimmung der Show keinen Abbruch tat. Mit einer Coverversion des Sophie-Ellis-Bextor-Klassikers Murder on the Dance Floor bewiesen die Australier ein feines Gespür für den Moment: Der Song lockerte die Menge auf und schuf eine Brücke zwischen dem behäbigen Nachmittagsprogramm und dem Donnergrollen, das am Abend folgen sollte.
Donots: Ingo Knollmann als menschliche Detonation
Kurz bevor The Offspring die Bühne betraten, übernahmen die Donots aus Ibbenbüren das Zepter als letzte Vorglut des Abends. Frontmann Ingo Knollmann spielte seine Rolle als Crowd-Mobilisierer mit der Gewissenhaftigkeit eines Mannes, der in diesem Job keine Teilleistungen kennt. Er stieg direkt ins Pit, verteilte sich im Publikum und riss mit einer Energie durch die Menge, die einige Festivalbesucher später in der Beschreibung zu einem staatlich geprüften Anheizer veranlasste. Für einen Punk-Veteranen, der seit Jahrzehnten auf Bühnen steht, eine vertraute, aber nie an Wirkung verlierende Übung.
The Offspring: Die Vorbilder, nun als Stichwortgeber
Um 20:30 Uhr eröffneten The Offspring ihren Set auf der Forest Stage. Was das Chemnitzer Quartett von Kraftklub in seiner Jugend noch in Schülerband-Formation nachgespielt hatte, sah man nun live und im Original. Die Californianer standen als lebendige Verbindungslinie zwischen Vergangenheit und Zukunft: eine Band, die in den 1990er Jahren den deutschsprachigen Punk-Nachwuchs geprägt hat, nun als Wegbereiter für genau jene Generation, die von ihr lernte. Come Out and Play, Self Esteem, The Kids Aren’t Alright – der Offspring-Set war eine Erinnerung daran, wie viel melodischen Punk-Einfluss die Band auf das Selbstverständnis ganzer Jahrgänge hatte.
Kraftklub: Der Kreis schließt sich
Um 23:00 Uhr traten Kraftklub auf. Frontmann Felix Kummer hatte sich in einem Interview im Vorfeld geäußert, dieser Moment schließe für ihn persönlich einen Kreis, der Jahrzehnte offen stand. Als Schuljunge in Chemnitz kannte er dieses Festival nur aus dem Fernsehen. Mit Songs von The Offspring im Kopf spielte er mit seinen späteren Bandkollegen die ersten Gitarrenriffs nach. Nun stand er auf exakt der Bühne, von der aus The Offspring eine halbe Stunde zuvor das Publikum aufgeheizt hatten.
Kraftklub lieferten eine Show, die ihrer neuen Rolle als Headliner gerecht wurde. Der Publikumsandrang auf der Forest Stage war enorm, die Stimmung eine Mischung aus kollektivem Wiedersehen und gemeinsamem Ausrasten. Songs wie Ich will nicht nach Berlin und Unsere Fans hassen mich – eigentlich ein Festival-Abschlusskracher – brachten die Menge auf das Level, das man von einem Headliner erwartet. Kraftklub sind aus der deutschen Rocklandschaft seit Jahren nicht mehr wegzudenken, aber dieser Freitag in Scheeßel war ein eigenes Kapitel.
30 Jahre Hurricane: Ein Festival als Institution
Rund 78.000 Besucherinnen und Besucher fanden sich an diesem Jubiläumswochenende auf dem Eichenring in Scheeßel ein. Die Anreise am Donnerstag sorgte für kilometerlange Staus auf den Bundesstraßen rund um Scheeßel und Sottrum. Die Polizei verzeichnete mehrere Drogenkontrollen mit positiven Befunden und einige Personen ohne Führerschein – alles in allem aber beschrieb sie die Lage auf dem Gelände als friedlich und entspannt. Auf den vier Bühnen Forest Stage, River Stage, Mountain Stage und Wild Coast Stage spielten über das gesamte Wochenende Dutzende Acts, von Punk-Veteranen über Indie-Pop bis hin zu elektronischen Programmen in den Nachtstunden.
Hurricane-Festivalchef Stephan Thanscheidt hatte im Vorfeld in einem Interview von einem spürbaren Überlebenskampf in der Festivalbranche gesprochen. Kostensteigerungen von bis zu 50 Prozent hätten die wirtschaftliche Planung erheblich erschwert. Dass das Festival dennoch ausverkauft war, beschrieb er als Ausdruck des besonderen Verhältnisses, das die Gemeinschaft der Fans zum Hurricane über drei Jahrzehnte aufgebaut hat.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone DE, Zevener Zeitung, buten un binnen, Musikexpress