
In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 2026 ist die französische Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Guesch Patti in Paris gestorben. Die bürgerlich Patricia Porrasse genannte Künstlerin erlag nach langer Krankheit in ihrer Heimatstadt. Sie wurde 80 Jahre alt. Ihr Sprecher Sébastien d’Assigny bestätigte den Tod der vielseitigen Künstlerin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. In seiner Erklärung würdigte er sie als eine Frau, deren künstlerischer Ausdruck stets von einer unverkennbaren Lebensfreude erfüllt gewesen sei.
Kindheit, Tanz und die Pariser Oper
Patricia Porrasse wurde am 16. März 1946 im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren. Ihre künstlerische Laufbahn begann nicht mit dem Gesang, sondern mit dem Tanz: Sie absolvierte eine Ausbildung an der Pariser Opernschule und entwickelte sich zu einer professionellen Tänzerin des zeitgenössischen Ausdruckstanzes. Als Tanzkünstlerin gastierte sie unter anderem in der Mailänder Scala und arbeitete mit Größen des Ballett- und Tanzwesens wie den Choreografen Roland Petit und Maurice Béjart zusammen. In dieser frühen Karrierephase legte sie das Fundament für ein Kunstverständnis, das sie ihr Leben lang von der reinen Musikkarriere unterschied.
Privat war sie mit dem Pianisten Yves Gilbert verheiratet, mit dem sie gemeinsam das Duo Yves et Patricia bildete. Die Ehe wurde 1974 geschieden. Dieses Kapitel stand noch vollständig im Zeichen des Tanzes und der Bühne – der musikalische Weltdurchbruch sollte noch über ein Jahrzehnt auf sich warten lassen.
Étienne: Ein Song, der alles überstrahlte
Im Jahr 1987 wurde aus Patricia Porrasse die Figur Guesch Patti – und aus einer Tänzerin plötzlich ein internationaler Popstar. Der Song Étienne, in einem schwarz-weißen Videoclip präsentiert, in dem die Künstlerin in Korsage und Netzstrümpfen auftrat, schlug wie ein Blitz ein. In Frankreich erreichte der Titel Platz eins der Charts, und in mehreren europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, avancierte er zum Top-Ten-Hit. Rund anderthalb Millionen Tonträger wurden verkauft. Das Lied polarisierte: Die suggestiven Textzeilen und das betont sinnliche Auftreten im Video wurden in Teilen der Öffentlichkeit als anstößig empfunden. Patti blieb gleichwohl. Sie habe sich davon nicht beirren lassen, betonte sie in späteren Interviews.
Für den Durchbruch erhielt sie die Victoire de la Musique, Frankreichs bedeutendsten Musikpreis, in der Kategorie weibliche Nachwuchstalente des Jahres. Das Debütalbum Labyrinthe folgte und festigte ihre Bekanntheit. Ein weiterer Hit, Let Be Must the Queen, erschien 1988. Doch keiner ihrer späteren Titel sollte noch einmal die Strahlkraft von Étienne erreichen.
Der Erfolg als Last
Was außerhalb Frankreichs oft übersehen wurde: Guesch Patti betrachtete den Kultstatus von Étienne mit zunehmend ambivalenten Gefühlen. Die Sängerin sprach in Interviews offen darüber, wie der Megahit ihr eigentliches Schaffen in den Schatten stellte. Ihren Wunsch, in Ruhe mit allen Künsten zu arbeiten – Tanz, Gesang, Schauspiel, Theater – sah sie durch die Reduzierung auf einen einzigen Song permanent konterkariert. Bei einem Aufritt 2001 machte sie gegenüber der AFP unmissverständlich deutlich, dass sie nicht noch einmal das durchmachen wolle, was ihr Étienne eingebrockt hatte. Die Musikindustrie, so ihre Empfindung, habe sie nie wirklich verstanden. Sie selbst bezeichnete sich als Chamäleon – ein Wesen, das sich nicht auf eine Form festlegen ließ.
Ein breites Lebenswerk jenseits des Hits
Nach dem großen Erfolg blieb Guesch Patti als Künstlerin aktiv, wenn auch fernab des Rampenlichts, das Étienne ihr einst verschafft hatte. Sie veröffentlichte weitere Alben: Nomades, Gobe, Blonde und Dernières nouvelles. Als Schauspielerin stand sie für mehrere Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera, darunter Une pour toutes, Elles, Suzanne und Monsieur Max. Auf der Bühne beteiligte sie sich an Projekten, die Theater und zeitgenössischen Tanz miteinander verbanden. Später übernahm sie die Hauptrolle im Musical Les Misérables und gründete das Trio Dacapo. Ihr letzter öffentlicher Auftritt liegt einige Jahre zurück – die langwierige Krankheit, der sie nun erlegen ist, hatte ihre Bühnenaktivitäten bereits vor längerer Zeit eingeschränkt.
Ein Spätwerk in der Stille
Guesch Patti war ein Phänomen ihrer Epoche, das sich selbst nie vollständig in die Schablone fügte, die der Erfolg für sie vorgesehen hatte. Im deutschsprachigen Raum wird sie wohl auf immer mit dem wehmütigen Stöhnen und dem Schwarz-Weiß-Bild aus dem Étienne-Video assoziiert bleiben. Wer sie jedoch als Gesamtkunstwerk betrachtete – als Tänzerin, die an der Scala gastierte, als Schauspielerin, als Theaterfrau, als jemand, der mit den bedeutendsten Choreografen Europas zusammengearbeitet hatte –, verstand, dass dieser eine Popsong nur ein Bruchteil dessen war, was sie hinterlassen hat.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: t-online, 20 Minuten, WEB.DE, GMX.CH, Schlager.de, 80s80s, Sortiraparis, Wikipedia DE, Tagesanzeiger