
Was klingt wie die Ausgangssituation einer sehr spezifischen Filmtrivia-Frage, ist seit dem 22. Juni 2026 Realität: Kylie Minogue und Quentin Tarantino stehen gemeinsam vor der Kamera. Drehbeginn war im walisischen Küstenort Porthcawl – und die ersten Bilder der beiden auf dem Set, beim gemeinsamen Abendessen in einem lokalen Restaurant und während der Dreharbeiten an einer Kirchenbeerdigungsszene in Newton Church sowie bei einem Leichenschmaus im Saltwater Inn, machten international Schlagzeilen. Der Film heißt Tangled Up in Blue, Regie führt der walisische Filmemacher Jamie Adams.
Die Handlung: Ein Manager, ein altes Feuer, eine verlorene Seele
Der offizielle Inhalt von Tangled Up in Blue ist in einem einzigen Satz zusammengefasst, der die Essenz des Films treffend beschreibt: Ein Mann, der vierzig Jahre lang Legenden gemanagt hat, strandet zwischen einer alten Flamme und einer verlorenen Seele an einer Hotelbar – und steht plötzlich vor der Aufgabe, das einzige zu managen, was er immer gemieden hat: sein eigenes Herz. Tarantino spielt die Figur Jake Stroud, einen wohlhabenden Mäzen und Musikmanager mit einer bewegten Vergangenheit. Minogue ist als sein Gegenüber zu sehen – die genaue Natur ihrer Figur wurde noch nicht im Detail kommuniziert.
Der Titel des Films ist nach dem gleichnamigen Bob-Dylan-Song benannt, der 1975 auf dessen Album Blood on the Tracks erschien und als eines der großen Trennungslieder der Rockgeschichte gilt.
Der Regisseur: Ein Wahrer der Nouvelle-Vague-Tradition
Jamie Adams, aufgewachsen in Porthcawl und seit Jahren mit seinem improvisierten Filmstil bekannt, hat sich in der unabhängigen Filmszene einen festen Platz erarbeitet. Er ist bekannt dafür, seine Filme nach berühmten Songs zu benennen: Bittersweet Symphony von The Verve, Love Spreads von The Stone Roses – und nun Tangled Up in Blue von Bob Dylan. Sein jüngster Film Only What We Carry, ebenfalls mit Tarantino in einer Hauptrolle sowie Sofia Boutella, Simon Pegg, Charlotte Gainsbourg und Singer-Songwriterin Lizzy McAlpine, feierte zuletzt Premiere. Adams arbeitet bevorzugt mit einem improvisationsbasierten Ansatz: Keine starren Drehbuchzeilen, keine langen Proben, sondern organische Reaktionen auf Situationen, die durch einen Rahmen gesetzt, aber nicht festgelegt sind.
Wie Adams Tarantino für die Rolle gewann: Ein unerwartetes Zoom-Gespräch
Die Geschichte dahinter ist so unwahrscheinlich wie das gesamte Projekt. Adams gestand in einem Interview mit dem Branchenmagazin Variety, er habe Tarantino die Rolle des wohlhabenden Mäzens einfach kalt angeboten – per Brief, ohne Vorwarnung, ohne Mittelsmänner. Er schrieb eine Zusammenfassung der Geschichte, verband sie mit einem persönlichen Schreiben, das erklärte, warum er Tarantino als Schauspieler für die richtige Besetzung hielt – und erwartete ehrlich gesagt keine Antwort. Zwei Wochen später, an einem Sonntagmorgen, meldete sich Tarantinos Agent mit der Nachricht, Tarantino sei neugierig und würde sich gerne per Videochat unterhalten.
Adams schilderte das folgende Zoom-Gespräch als eine Art Wundererlebnis: Kaum habe man Tarantinos Stimme gehört, sei man in ein anderes Universum versetzt worden. Das Gespräch schweife von Film zu Film, von walisischen Sitcoms über Lebensgeschichten bis zu dem Wesen der Figur – und als Tarantino selbst anfangen wollte, Fragen zur Rolle zu stellen, habe Adams ihn höflich unterbrochen und erklärt, jetzt sei nicht der richtige Moment dafür. Improvisation, wie Adams sie einsetze, bedeute Präsenz und organische Reaktion. Tarantino sei einer der begabtesten konversationellen Geschichtenerzähler der Welt – das sei es, was er in der Figur brauche.
Die übrige Besetzung: Ein hochkarätiges Ensemble
Neben Minogue und Tarantino ist Tangled Up in Blue mit einem Ensemble besetzt, das die internationale Reichweite des Projekts unterstreicht. Jason Isaacs, bekannt durch die Harry-Potter-Reihe und Zahllose weitere Rollen, ist dabei. Allison Williams, die in Get Out und dem Yellowjackets-Universum bekannt wurde, gehört ebenso zum Cast wie Sofia Boutella, die tunesisch-französische Tänzerin und Schauspielerin. Den Hip-Hop-Part des Casts besetzt RZA, Mitgründer von Wu-Tang Clan und selbst erfahrener Schauspieler und Regisseur. Dazu kommen mehrere walisische Darstellende, darunter Karen Paullada, Julian Lewis Jones, Craig Russell und Siwan Morris – eine bewusste Entscheidung des in Wales aufgewachsenen Regisseurs.
Tarantinos Lage: Zwischen Theaterdebüt und letztem Spielfilm
Dass Tarantino gerade in Großbritannien für diesen Film zur Verfügung steht, hat einen konkreten Hintergrund. Der Filmemacher, der seit Jahren ankündigt, nur noch einen einzigen Spielfilm drehen und dann in Rente gehen zu wollen, arbeitet derzeit an seinem West-End-Theaterdebüt in London. Das Stück mit dem Titel The Popinjay Cavalier soll Anfang 2027 am West End Premiere feiern. Tarantino hat erklärt, sollte das Stück ein Misserfolg werden, werde er es nicht verfilmen – sollte es hingegen ein großer Erfolg werden, könnte es sein letzter Film werden. Welche Beziehung Tangled Up in Blue zu diesem geplanten Abschlussfilm hat, bleibt offen. Adams‘ Produktion fällt in diese Übergangsphase – und Tarantino scheint die Zeit vor der Kamera zu genießen.
Kylies Rückkehr in die Schauspielerei
Für Kylie Minogue ist Tangled Up in Blue eine Rückkehr zu einer Karrieredimension, die sie zuletzt nur punktuell bediente. Die australische Sängerin, die ihre internationale Bekanntheit zunächst durch die Seifenoper Neighbours und dann durch eine Serie von Tanzpop-Hits aufgebaut hat, war zuletzt als Gastdarstellerin in der Netflix-Serie The Residence aufgetreten. 2026 erschien außerdem ihre persönliche Doku-Serie Kylie auf Netflix, in der sie auf ihr Leben und ihre Karriere zurückblickt. Adams bezeichnete sie als ideal für seine improvisationsbasierte Filmarbeit.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Variety, Deadline, Rolling Stone US, Billboard, The Daily Beast, Attitude, Hot Press, Wikipedia EN