Ethnephoto, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
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Pulp preforming on stage at the 02 Arena on the 13th of June 2025

Es gibt Konzerte, die man besucht, und Konzerte, die man erlebt. Der Abend im Berliner Tempodrom am 27. Juni 2026 gehörte zur zweiten Kategorie. Knapp 30 Jahre nach ihrem letzten Auftritt in der Hauptstadt standen Pulp und ihr Frontmann Jarvis Cocker zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage – nach einer Zusatzshow am 25. Juni – auf der Bühne desselben Hauses, das nach dem ersten Abend kaum ausgekühlt war. Beide Shows waren restlos ausverkauft.

Eine Band, die nicht zurückblickt, sondern vorwärtsspielt

Was den Berliner Abend von einer bloßen Nostalgieshow abhob, war genau das, wovon man bei einer Band im vierten Jahrzehnt ihres Bestehens am wenigsten erwartet: echte Dringlichkeit. Pulp hatten 2025 ihr achtes Studioalbum More veröffentlicht – ihr erstes seit We Love Life aus dem Jahr 2001 und damit das erste seit fast einem Vierteljahrhundert. Und sie spielten es nicht als Pflichtübung zwischen Klassikerblöcken, sondern als vollwertigen Teil ihres Konzertabends.

More ist ein Album, das sich mit Zeit, Verlust und der merkwürdigen Schönheit alltäglicher Momente beschäftigt. Produziert von James Ford, der zuletzt Arctic Monkeys und Fontaines D.C. zum Klingen gebracht hat, klingt es nicht nach nostalgischer Rückbesinnung, sondern nach gegenwärtiger Gefühlsarbeit. Elternschaft, sich verändernde Beziehungen, die Frage nach Zugehörigkeit – Themen, die Cocker früher aus der Beobachterperspektive seziert hätte, werden hier von innen heraus erzählt. More fühlt mehr, als es beobachtet. Und live gewann dieser Unterschied an Körperlichkeit.

Steve Mackeys Abwesenheit, präsent im Raum

More ist dem 2023 verstorbenen Bassisten Steve Mackey gewidmet, einem der Gründungsmitglieder von Pulp, der die Band durch ihre gesamte Blütezeit begleitet hatte. Sein Tod war laut übereinstimmenden Berichten ein wesentlicher Auslöser dafür, dass die Band wieder zusammenfand und beschloss, neues Material zu schreiben. Im Berliner Tempodrom war seine Abwesenheit zu spüren – nicht als lähmende Melancholie, sondern als stilles, würdiges Bekenntnis zu allem, was gemeinsam erreicht wurde.

Cocker als Sänger, Tänzer und Erzähler

Jarvis Cocker ist seit jeher einer der ungewöhnlichsten Frontmänner des britischen Pop. Wo andere stehen und singen, bewegt er sich – ungelenk, exzentrisch, präzise komisch und gleichzeitig zutiefst berührend. Sein Körper ist ein Ausdrucksmittel, das mit der Stimme in Dialog steht. Im Berliner Tempodrom war diese Qualität unvermindert präsent. Cocker sprach zwischen den Songs mit dem Publikum, nahm sich Zeit für Beobachtungen, Anekdoten und den einen oder anderen Seitenhieb auf Abwesendes und Anwesendes zugleich – und tat das alles mit einer Wärme, die einen nicht das Gefühl gab, eine Show zu beobachten, sondern Teil eines gemeinsamen Abends zu sein.

Klassiker neben Neuem: Wenn alte und frische Songs auf Augenhöhe stehen

Das Setlist-Konzept des Abends war mutig: Neue Songs von More standen neben den großen Britpop-Hymnen der 1990er, und keine der beiden Seiten wurde für die andere geopfert. Babies, Do You Remember the First Time?, Disco 2000 und natürlich Common People – der Song, der Pulp auf Platz zwei der radioeins-Abstimmung über die besten Britpop-Songs aller Zeiten gebracht hatte – sorgten für kollektiven Mitgesang und die Art von Freude, die man von Songs kennt, die einem etwas bedeuten, seit man jung war. Spike Island, die erste More-Single, hatte inzwischen denselben Status. Der Song ist eine Hommage an das legendäre Stone-Roses-Konzert auf Spike Island 1990, zugleich ein Lied über Erinnerung und die Mythen, aus denen Identitäten gebaut werden.

More, Live!, ein Film und ein reifes Jahrzehnt

Die Tour fällt in eine Phase ungewöhnlicher Produktivität für Pulp. Neben More, das 2025 bei Rough Trade Records erschien, kündigte die Band im Juni 2026 ein Livealbum mit dem Titel Live! für den 28. August 2026 an. Es ist ihr erster Livemitschnitt und gleichzeitig der Soundtrack zu einem Dokumentarfilm von Garth Jennings, der bereits 1997 das Musikvideo zu Help the Aged gedreht hatte. Der Konzertfilm trägt den Titel Pulp: What Do You Do For an Encore? und soll im Herbst 2026 auf dem Streamingdienst MUBI erscheinen.

Offizielle Tourdaten 2026 (Deutschland)
25. Juni 2026 (Donnerstag): Berlin, Tempodrom
27. Juni 2026 (Samstag): Berlin, Tempodrom
29. Juni 2026 (Montag): Köln, Palladium

 


Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

Quellen: Berlin Magazine, Radioeins, Monkeypress, Tempodrom Berlin, Frontstage Magazine, Laut.de

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