
Er hatte es selbst so gewollt, und nun wird dieser Wille in die Tat umgesetzt. Wenige Wochen nach dem Tod von Oliver Tree bei einem Hubschrauberabsturz in Rio de Janeiro hat sein Nachlass eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen, die seinen Wunsch in dauerhafter Form verwirklicht: Das gesamte Vermögen des Musikers soll künstlerischen Nachwuchsprojekten zugutekommen – nicht seiner Familie. Es ist eine Entscheidung, die Tree bereits zu Lebzeiten getroffen und öffentlich kommuniziert hatte, und die sein Nachlassverwalter nun mit der Gründung der Stiftung Dr. Oliver Tree’s Extremely Epic Grant For Baby Geniuses formell umsetzt.
Der Entschluss: Kunst gehört allen
Nur wenige Wochen vor seinem Tod hatte Oliver Tree in einem ausführlichen Gespräch mit der Zach Sang Show offenbart, dass er sein gesamtes Vermögen nicht an seine Angehörigen weitergeben wolle. Tree, der weder verheiratet war noch Kinder hatte, begründete diesen Schritt mit einer grundsätzlichen Überzeugung: Der Reichtum, den er durch seine Musik aufgebaut habe, gehöre ihm nicht wirklich. Er sei durch die Kunst entstanden – und deshalb solle er der Kunst zurückgegeben werden. Für die Verwaltung und Vergabe dieser Mittel hatte er zu Lebzeiten bereits eine Stiftung gegründet, die sowohl sein zu Lebzeiten erwirtschaftetes als auch das zukünftig posthum anfallende Geld aus Tantiemen und Lizenzeinnahmen bündeln und an junge Kunstschaffende weiterleiten sollte. Ein Gremium aus Weggefährten sollte über die konkrete Mittelverteilung entscheiden.
Die Stiftung: Langfristig angelegt, offen für alle Kunstformen
Nun hat das Nachlass-Team die Stiftung offiziell aktiviert. Die Website der Stiftung beschreibt das Ziel als Förderung kreativer Kunstprojekte – mit dem ausdrücklichen Anspruch, diese Arbeit für mindestens 50 bis 100 Jahre aufrechtzuerhalten. Das ist keine kurzfristige Gedenkgeste, sondern ein institutionelles Vorhaben mit Langzeitperspektive. Welche Kunstformen und Projekte förderfähig sind, wurde mit dem Begriff des aktiven kreativen Schaffens umschrieben – Künstlerinnen und Künstler, die die Hände in die Erde graben und Dinge erschaffen. Tree selbst hatte sein gesamtes Schaffen stets als Gesamtkunstwerk verstanden: Musik, Videoästhetik, Bühnenperformance, Mode und Internetkultur waren für ihn keine getrennten Bereiche, sondern Ausdrucksformen eines einzigen Impulses.
Wer Oliver Tree war: Vom viralen Phänomen zum Welthit
Oliver Tree Nickell, geboren am 29. Juni 1993 in Santa Cruz, Kalifornien, begann als musikalisches Experiment im Internet. Bevor der große Durchbruch kam, war er bereits Profiscooterfahrer auf nationalem Niveau und bekannt für eine eigenständige Bildsprache, die seine Musikvideos von allem abhob, was das Internet damals kannte: Topffrisur, weite Schlaghosen, ein trockener, absurder Humor – ein Markenzeichen, das er konsequent durchzog. 2018 erschien mit Alien Boy der erste Song, der international Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Seither baute er eine Fangemeinde von über elf Millionen monatlichen Hörerinnen und Hörern auf Spotify auf.
Der internationale Durchbruch gelang ihm mit Miss You, einer Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten Robin Schulz, die 2022 erschien und in den britischen Singlecharts bis auf Platz drei kletterte. Der Song brachte ihm 2024 eine Brit-Award-Nominierung als bester internationaler Act ein. Weitere bekannte Werke sind Life Goes On sowie Voices, das er gemeinsam mit dem britischen YouTuber und Musiker KSI aufnahm. 2020 hielt Tree außerdem einen Guinness-Weltrekord: Er konstruierte den größten Tretroller der Welt, mit einer Größe von über vier mal drei Metern.
Zum Zeitpunkt seines Todes war er auf seiner Welttour Love You Madly, Hate You Badly unterwegs. Weitere Konzerttermine in den USA und Europa waren bereits geplant. Am 29. Juni 2026 hätte er seinen 33. Geburtstag gefeiert.
Trauer im Internet: Die Reaktionen seiner Gemeinschaft
Die Nachricht von seinem Tod löste in der weltweiten Online- und Musikgemeinschaft eine Welle des Schmerzes aus. KSI, der mit Tree Songs aufgenommen und ihn persönlich gekannt hatte, beschrieb seinen Schmerz als nahezu unbegreiflich. Diplo erinnerte sich an Trees unbändige Kreativität und seine ganz eigene Art, die Welt zu sehen, und sagte, er könne noch immer kaum glauben, dass er ihn nicht in einigen Wochen irgendwo wiedertreffen würde. Melanie Martinez, die jahrelange Partnerin, mit der Tree auch nach ihrer Trennung 2021 freundschaftlich verbunden geblieben war, beschrieb ihn als einen Menschen mit einem außergewöhnlich guten Herzen und als echten Künstler in jeder Hinsicht.
Das Erbe: Ein Fonds, der sein Denken weiterlebt
Mit der Aktivierung der Stiftung Dr. Oliver Tree’s Extremely Epic Grant For Baby Geniuses wird Oliver Tree zu einer Figur, deren Einfluss weit über sein Musikarchiv hinausgeht. Dass ein 32-jähriger Künstler zu Lebzeiten eine solche institutionelle Vorkehrung trifft und dabei explizit entscheidet, Geld nicht für private Zwecke anzuhäufen, sondern es in die Förderung anderer einzuspeisen, ist bemerkenswert. Es ist eine posthume Nachricht an die Generation, die er geprägt hat: Kunst hat keinen Besitzer.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Deadline, EDM Identity, WEB.DE, GMX, L’essentiel, news.de, 1und1