
Fast ein Jahr nach dem Tod von Brent Hinds haben Mastodon das Schweigen gebrochen – und zwar auf eine Art, die nichts beschönigt und nichts verherrlicht. Am 8. Juli 2026 veröffentlichte die Band auf ihrem YouTube-Kanal den rund 36-minütigen Kurzfilm The Mastodon in the Room, in dem die drei verbliebenen Gründungsmitglieder Troy Sanders, Bill Kelliher und Brann Dailor in einem Privatscreeming im Atlanta Plaza Theatre alte Archivaufnahmen sichten und dabei erstmals ausführlich öffentlich über ihre 25-jährige Beziehung zu Hinds sprechen – die guten Jahre und die vielen schwierigen.
Vom Bruder zur Last: Wie die Beziehung zerbrach
Brent Hinds war von Beginn an das unberechenbare Herz von Mastodon. Die anderen Bandmitglieder beschreiben ihn im Film als einen freien Geist, dem die Band alles verdankt – und der gleichzeitig immer schwerer zu tragen war. In den frühen Touren wurde gemeinsam gelacht, Witze gemacht, eine Freundschaft aufgebaut, die enger war als bei vielen Bands. Erste Reibungspunkte zeigten sich schon früh: Auf der Crack-the-Skye-Tour ließ Hinds seinen Stress an der Crew aus. Doch der eigentliche Niedergang begann laut Dailor, Kelliher und Sanders in den letzten fünf Jahren – getrieben von schwerem Alkoholkonsum, Unzuverlässigkeit auf der Bühne und einer zunehmenden inneren Abkoppelung vom Rest der Band. Auf der Hushed-and-Grim-Tour war die Situation nach Worten von Sanders auf dem Tiefpunkt: schlechteste Bandleistung seit einem Jahrzehnt, ein Mitglied, das tagsüber schlief und nachts exzessiv trank, und Auftritte, die zwischen brillant und chaotisch pendelten, ohne dass man vorhersagen konnte, was am Abend kommt. Kelliher brachte die kollektive Erschöpfung so auf den Punkt: Alle drei könnten stundenlang üben und proben, aber wenn man sich bei jemandem auf der Bühne nicht verlassen könne, zehre das an jedem. Es habe sie alle aufgerieben.
Der Rauswurf und das letzte Mal
Im März 2025 trennte sich die Band von Hinds. Troy Sanders hatte vor dem letzten Treffen einen Brief geschrieben, in dem er seine Kritik und seine Gefühle detailliert festhielt. Bei der Aussprache, so Sanders im Film, stand Hinds in der Mitte der Schilderungen auf und verließ den Raum. Das war das letzte Mal, dass Sanders ihn sah. Hinds selbst erklärte später öffentlich, er sei gefeuert worden – was die Band in The Mastodon in the Room nicht bestreitet, aber in einen Kontext einbettet, der weit mehr als eine schlichte Kündigung war. Sanders sagte, er habe stets damit gerechnet, dass sich eines Tages eine Versöhnung ergeben würde, ein gemeinsames Gespräch, eine Umarmung. Diese Chance bekam keiner von ihnen mehr.
Brent Hinds starb im August 2025
Am 20. August 2025 verunglückte Brent Hinds mit seinem Motorrad. Er wurde 51 Jahre alt. Ermittlungsbehörden sprachen später von Eigenverschulden als Unfallursache. Der Tod traf die Band nur fünf Monate nach der Trennung. Mastodon erwähnte ihn noch am folgenden Tag während ihrer Bühnenshow auf der Alaska State Fair. Dailor räumte im Film ein, er habe am längsten auf eine Wende gehofft. Was er sich gewünscht habe, sei jener leuchtende, großartige Mensch gewesen, den Hinds auf der Bühne sein konnte – und dem die Band über Jahrzehnte begegnet war. Dieser Mensch, so Dailor, sei zuletzt ohne dramatischen inneren Wandel nicht mehr zugänglich gewesen.
Ein vielschichtiges Porträt: Weder Heiliger noch Sünder
Was The Mastodon in the Room so wirkungsvoll macht, ist seine Weigerung, Hinds auf eine einzige Version zu reduzieren. Die Band beschrieb ihn in einem Statement als einen wilden Kerl – ihren wilden Kerl – dem man Herausforderungen verdankte und Magie gleichermaßen. Beide Dinge seien wahr gewesen, und man habe kein Interesse daran gehabt, eine Seite auf Kosten der anderen zu betonen. Das Archivmaterial zeigt Hinds beim Touren mit Iron Maiden in den frühen 2000er Jahren, in kreativen Glanzphasen, in komödiantischen Momenten mit der Band – aber auch in seinen Abwärtsphasen. Der bekannteste Vorfall außerhalb der Band war der Backstage-Angriff auf der MTV-VMAs-Zeremonie 2007, bei dem Hinds nach einem Streit mit System-of-a-Down-Bassist Shavo Odadjian und dessen Begleiter mit einer gebrochenen Nase, zwei blauen Augen und einer Hirnblutung im Koma endete. Dailor beschrieb ihn als jemanden, der in betrunkenem Zustand immer wieder Grenzen überschritt, die andere klar gezogen hatten.
Das neue Kapitel: Nick Johnston und Your Ghost Again
Nach dem Abgang von Hinds übernahm der kanadische Gitarrist Nick Johnston seinen Platz in der Band. Das erste öffentliche musikalische Signal der neuen Ära war Your Ghost Again, eine Vorabsingle, die im Juni 2026 veröffentlicht wurde und die Rolling Stone in ihrer Wochenrubrik als Heavy Song of the Week auszeichnete. Der Titel trägt Hinds‘ Namen nicht ausdrücklich, ist aber in Ton und Entstehungskontext eindeutig als Hommage zu verstehen. Das dazugehörige Musikvideo im Performance-Stil erschien kurz nach dem Kurzfilm. Schlagzeuger Dailor berichtete, die Arbeiten am neunten Studioalbum seien im Mai 2026 abgeschlossen worden – ein emotional aufwühlender Prozess, nicht zuletzt weil er gleichzeitig den Tod seiner Mutter verarbeiten musste. Hinds hat auf dem neuen Album keinen Anteil.
Aktuelle Tourdaten Mastodon Poisonous Weapons Tour 2026 (Auswahl, Herbst)
Mastodon planen für den Herbst 2026 eine Nordamerika-Tour unter dem Titel Poisonous Weapons mit Deafheaven und Alcest als Vorgruppen. Genaue Termine wurden bislang angekündigt, aber noch nicht vollständig veröffentlicht.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: Rolling Stone DE, Rolling Stone US, Loudwire, Consequence, Treble, The PRP, 105.7 The Point, Metal Injection, Stereogum, Lambgoat