
New Zealand Government, Office of the Governor-General, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Die US-amerikanische Ausnahmekünstlerin Laurie Anderson hat bekanntgegeben, dass ihr kommendes Manuskript für rund 88 Jahre der Öffentlichkeit vorenthalten bleibt. Erst im Jahr 2114 soll der Text gelesen werden können. Damit reiht sich die Avantgarde-Musikerin und Performance-Künstlerin in ein ungewöhnliches literarisches Langzeitprojekt ein, das Werke berühmter Autorinnen und Autoren über fast ein Jahrhundert hinweg unter Verschluss hält.
Die Future Library in Oslo
Hinter dem Vorhaben steht die sogenannte „Future Library“, ein Kunstprojekt in Oslo, das die schottische Künstlerin Katie Paterson im Jahr 2014 ins Leben gerufen hat. Damals ließ Paterson eigens tausend Bäume in einem Waldgebiet namens Nordmarka nördlich der norwegischen Hauptstadt pflanzen. Aus dem Holz dieser Bäume soll dereinst das Papier für eine große Anthologie entstehen, in der sämtliche im Rahmen des Projekts gesammelten Manuskripte gedruckt werden.
Anderson als 13. Beitragende
Mit ihrer Zusage wird Laurie Anderson nun zur dreizehnten kreativen Persönlichkeit, die sich bereiterklärt hat, einen eigens verfassten Text bis zum Jahr 2114 zurückzuhalten. Sie tritt damit in die Fußstapfen namhafter Autorinnen und Autoren wie Margaret Atwood, Han Kang und Ocean Vuong, die zuvor bereits geheime Manuskripte für das Projekt geschrieben haben. Auch Namen wie David Mitchell, Sjón, Elif Shafak und Karl Ove Knausgård zählen zu den bisherigen Beteiligten. Welche Form Andersons Beitrag konkret annehmen wird, steht bislang nicht fest. Laut Katie Paterson könnte es sich um einen Prosatext, eine musikalische Partitur, eine Erzählung, eine Sammlung von Anweisungen oder etwas völlig Neuartiges handeln, für das es noch keine Bezeichnung gebe.
Aufbewahrung im „Stillen Raum“
Bis zur Veröffentlichung lagern alle bislang eingereichten Texte in einem eigens dafür gestalteten, als „Silent Room“ bezeichneten Raum im Deichman-Bjørvika-Gebäude der Osloer Stadtbibliothek. Der Raum wurde aus geschichtetem, gewelltem Holz jener Bäume errichtet, die ursprünglich weichen mussten, um Platz für die im Jahr 2014 gepflanzten Future-Library-Bäume zu schaffen. Jede Jahresschicht verfügt über eine gläserne Schublade für das jeweilige Manuskript. Der Öffentlichkeit zugänglich ist der Raum bereits seit 2022, einsehen lassen sich die eingelagerten Texte selbst jedoch erst nach Abschluss des gesamten Projekts.
Persönliche Beweggründe der Künstlerin
Anderson selbst äußerte sich zu ihrer Teilnahme mit sichtlicher Begeisterung. Sie habe die Idee der Future Library von Anfang an fasziniert, da sie zeitlebens eine besondere Verbundenheit zu Büchern, Bibliotheken und Wäldern empfinde. Ihr schwebe vor, für die Leserschaft des Jahres 2114 etwas Sinnstiftendes über die Liebe zu verfassen. Da ihr an Texten, in denen sich eine erkennbare menschliche Stimme widerspiegelt, besonders viel liege, wolle sie sich bemühen, auch Menschen einer fernen Zukunft verständlich zu bleiben.
Würdigung durch die Projektverantwortlichen
Das Kuratorium der Future Library Trust begründete die Auswahl Andersons mit deren besonderer Fähigkeit, zeitübergreifend zu kommunizieren und Werke zu schaffen, die zutiefst menschlich, grenzenlos vorstellungsreich und offen für noch nicht absehbare Zukünfte seien. Katie Paterson selbst hob hervor, dass Anderson ihr Leben lang Signale ins Ungewisse gesendet habe und sich seit Jahrzehnten damit befasse, wie Geschichten erzählt, Erinnerungen bewahrt und Zukunftsvorstellungen entwickelt werden. Andersons Schaffen bewege sich dabei frei zwischen Sprache, Musik, bildender Kunst, Technologie und Performance und verbinde Intimität mit universellen Themen wie Liebe, Verlust, Politik und Poesie.
Andersons künstlerisches Wirken
Laurie Anderson gilt seit Jahrzehnten als eine der vielseitigsten Figuren der US-amerikanischen Kunst- und Musikszene. Als Autorin, Regisseurin, Komponistin, bildende Künstlerin, Musikerin und Sängerin hat sie zahlreiche multimediale Bühnenwerke geschaffen und bereits zehn Bücher veröffentlicht. Für ihr musikalisches Schaffen wurde sie sechsmal für den Grammy nominiert und konnte die Auszeichnung einmal für sich entscheiden. Ihr bislang letztes Album „Amelia“ erschien im Jahr 2024.
Rechtlicher Rahmen bis zur Fertigstellung
Damit das Projekt auch über einen derart langen Zeitraum Bestand hat, wurden entsprechende vertragliche Absicherungen getroffen. Im Juni 2022 unterzeichnete die Stadt Oslo eine Vereinbarung, die den dauerhaften Schutz des Waldgebiets garantiert, in dem die Future-Library-Bäume wachsen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Bäume bis zu ihrer Fällung im Jahr 2114 erhalten bleiben und anschließend zu dem Papier verarbeitet werden können, auf dem die gesammelte Anthologie gedruckt wird.
Aktuelle Tourdaten zu Laurie Anderson liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unter anderem für Auftritte in den USA sowie in Europa vor, darunter Termine in Kalifornien im September sowie ein Konzert in den Niederlanden.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: The Guardian, Far Out Magazine, AOL, Wikipedia
