
Drew de F Fawkes, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Was zunächst wie eine klare Personalentscheidung eines Konzertveranstalters aussah, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein Geflecht aus wirtschaftlichem Druck, stillen Drohungen und einem Popstar, der zwischen allen Stühlen saß. Ed Sheeran hat sich mit einer ausführlichen Stellungnahme zu Wort gemeldet, nachdem Rapper Macklemore öffentlich gemacht hatte, von der laufenden Stadiontour des Briten entfernt worden zu sein. Die Version, die Sheeran nun liefert, ist erheblich komplexer als das, was in den ersten Tagen der Kontroverse kursierte.
Ein Auftritt mit Folgen
Auslöser der Affäre war ein Konzertwochenende Anfang September im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey. Macklemore eröffnete dort zwei Abende für Sheeran und nutzte die Bühne, um sich deutlich mit der palästinensischen Sache zu solidarisieren. Er rief zur Freiheit Palästinas auf, zeigte Bildmaterial aus dem Gazastreifen und performte seinen bereits 2024 veröffentlichten Protestsong über die propalästinensischen Besetzungsproteste an der Columbia University. Dabei betonte er ausdrücklich, dass seine Kritik an der israelischen Regierung und an dem, was er als Besatzung bezeichnet, nicht mit Antisemitismus verwechselt werden dürfe.
Der Druck aus den Stadien
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Mehrere jüdische und pro-israelische Organisationen forderten öffentlich, den Rapper von der Tour zu nehmen. Wenig später berichtete Macklemores Tourveranstalter gegenüber Medien, dass einzelne Spielstätten signalisiert hätten, Konzerte mit Macklemore auf der Bühne nicht mehr austragen zu wollen. Besonders deutlich wurde diese Haltung bei New-England-Patriots-Besitzer Robert Kraft, dem das Gillette Stadium in Foxborough gehört, wo Sheeran Ende September zwei Termine geplant hatte. Kraft bestätigte öffentlich, dass er sich gegen einen Auftritt Macklemores an seinem Standort ausgesprochen habe, und begründete dies mit einer aus seiner Sicht wiederholt antisemitischen Bildsprache und Rhetorik des Rappers.
Macklemores Version der Geschichte
Macklemore selbst schilderte den Ablauf anders und deutlich zugespitzter. Ihm zufolge habe Sheeran ihm mitgeteilt, dass Kraft nicht nur den eigenen Auftritt in Foxborough blockiert, sondern auch weitere Stadionbetreiber mobilisiert habe. Diese hätten Sheeran gemeinsam vor die Wahl gestellt, entweder auf Macklemore zu verzichten oder selbst keine Auftrittsmöglichkeit mehr in den betroffenen Häusern zu erhalten. Zugleich beschrieb Macklemore seinen langjährigen Kollegen Sheeran als Freund, der durch diese Entwicklung in eine denkbar unangenehme Lage geraten sei, weil dessen bekannt unpolitische Grundhaltung plötzlich auf eine harte Probe gestellt wurde.
Sheerans Klarstellung
In seiner eigenen Stellungnahme betonte Sheeran, dass die Entscheidung, Macklemore von der Tour zu nehmen, nicht von ihm persönlich, sondern vom zuständigen Konzertveranstalter getroffen worden sei, da der Vertrag mit dem Rapper direkt zwischen diesem und der Veranstalterfirma bestehe. Er habe Macklemore zuvor ausdrücklich freie Hand bei der Gestaltung von dessen eigenem Bühnenprogramm zugesichert. Erst im Nachgang sei ihm mitgeteilt worden, dass die betreffende Formulierung während der Show – weniger die Gesamtbotschaft als solche – bei den betroffenen Spielstätten für Unmut gesorgt habe. Sheeran machte zudem deutlich, dass er sein öffentliches Ansehen grundsätzlich nicht für politische Statements nutzen wolle, weil sein Publikum Menschen aller Hintergründe und häufig auch sehr junge Fans umfasse, die keine politische Bühne erwarten würden. Er respektiere Macklemores Entschlossenheit, für seine Überzeugungen einzutreten, halte aber daran fest, dass es unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel des Friedens geben könne. Ausdrücklich stellte er klar, dass er weder seine Fans enttäuschen noch die Crew und die übrigen Vorgruppen, die von der Tour wirtschaftlich abhängig seien, gefährden wolle.
Solidarität und Widerstand aus der Musikszene
Die Entfernung Macklemores löste eine Kettenreaktion aus. Gleich mehrere Künstler, die ebenfalls als Vorgruppen für Sheeran gebucht waren, darunter der irische Musiker Aaron Rowe, die dänische Band Lukas Graham, die Formation Beoga sowie der Produzent und Musiker Finneas, erklärten kurz nacheinander ihren Ausstieg aus der Tour. Sie begründeten diesen Schritt mit ihrer Solidarität gegenüber Macklemore und der Überzeugung, dass Künstlerinnen und Künstler nicht zum Schweigen gebracht werden dürften, wenn sie sich für vermeintlich unterdrückte Gruppen einsetzen. Auch aus der breiteren Öffentlichkeit erhielt Macklemore Rückhalt, unter anderem von Schauspielerinnen, Musikerinnen und Politikerinnen, die die Entscheidung als bedenkliches Signal für die künstlerische Meinungsfreiheit werteten.
Ein wirtschaftlicher Balanceakt
Am Ende zeigt der Fall, wie sehr moderne Stadiontourneen von den Interessen der Venue-Betreiber abhängen. Konzertstätten sind keine neutralen Bühnen, sondern wirtschaftliche Partner mit eigenen Reputationsrisiken, die im Zweifel Druck auf Veranstalter und Künstler ausüben können. Sheerans Position als international vermarkteter Superstar mit Millionenpublikum macht ihn dabei besonders angreifbar für solchen Druck, da ein Verlust von Spielstätten sowohl finanzielle als auch logistische Folgen für die gesamte Tour und alle daran beteiligten Beschäftigten hätte.
Aktuelle Tourdaten der Loop Tour
Die Nordamerika-Etappe von Sheerans Loop Tour wird im Herbst fortgesetzt. Nach den Stationen in East Rutherford und Philadelphia stehen unter anderem Auftritte in Foxborough am 25. und 26. September, in Atlanta am 3. Oktober, in Indianapolis am 10. Oktober sowie in Charlotte am 17. Oktober an. Im weiteren Verlauf des Jahres führt die Route nach Südamerika, mit Terminen unter anderem in Chile, Paraguay, Argentinien und Brasilien, bevor die Tour im Dezember in Mexiko-Stadt endet.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: NPR, ABC News, Rolling Stone, NBC News, Al Jazeera, Jewish Telegraphic Agency, Newsweek, Fox News, Defector, ad-hoc-news.de
