
Drew de F Fawkes, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Ein Rauswurf mit weitreichenden Folgen
Was als Randnotiz einer laufenden Stadion-Tournee begann, hat sich innerhalb weniger Tage zu einem der größten Kulturkonflikte des Jahres entwickelt. Der US-Rapper Macklemore wurde aus dem Vorprogramm der aktuellen Welttournee von Ed Sheeran entfernt, nachdem er bei einem Auftritt Anfang September in New Jersey mit propalästinensischen Äußerungen für Aufsehen gesorgt hatte. Die Entscheidung, ihn auszuladen, hat inzwischen eine Kettenreaktion ausgelöst: Sämtliche verbliebenen Vorbands der Tour haben sich aus Solidarität mit dem Rapper ebenfalls zurückgezogen.
Der Auslöser: Ein Bühnenmoment mit Nachhall
Bei einem Konzert im MetLife-Stadion in New Jersey hatte Macklemore vor der Präsentation seines Protestsongs, der einem in Gaza getöteten fünfjährigen Mädchen gewidmet ist, öffentlich zu einem freien Palästina aufgerufen. In seiner Ansprache stellte er zugleich klar, dass sich seine Kritik an der israelischen Politik und an dem, was er als Völkermord bezeichnete, nicht gegen jüdische Menschen im Allgemeinen richte. Seine Botschaft, so betonte er, ziele auf Frieden sowie auf eine würdevolle und gleichberechtigte Behandlung aller Menschen ab.
Die Rolle des Milliardärs im Hintergrund
Wenige Tage später wurde bekannt, dass der Unternehmer und Besitzer eines bekannten NFL-Stadions maßgeblich an der Entscheidung beteiligt war, den Rapper von weiteren Auftritten auszuschließen. Er begründete diesen Schritt öffentlich damit, dass sein Veranstaltungsort keine Plattform für Hassrede bieten wolle und verwies neben den jüngsten Bühnenauftritten auch auf eine aus seiner Sicht längere Geschichte antisemitisch wirkender Rhetorik und Bildsprache des Musikers. Dabei dürfte er unter anderem auf einen älteren, damals bereits öffentlich diskutierten Auftritt des Rappers angespielt haben, für den sich dieser seinerzeit bereits entschuldigt hatte. Der Unternehmer machte zugleich deutlich, dass es ihm nicht darum gehe, das Leid der Zivilbevölkerung in den palästinensischen Gebieten kleinzureden, wohl aber darum, eine aus seiner Sicht einseitige Darstellung zurückzuweisen, die die Verantwortung der Terrororganisation Hamas ausblende.
Zusätzlich befeuert wurde die Kontroverse durch eine von einer israelisch-amerikanischen Organisation gestartete Unterschriftenkampagne, die den Ausschluss des Rappers von der Tour forderte. Macklemore selbst erklärte später, ihm sei mitgeteilt worden, der Unternehmer habe weitere Stadionbetreiber mobilisiert und dem Popstar ein Ultimatum gestellt: Sollte der Rapper Teil der Tour bleiben, würden die betroffenen Spielstätten für die Konzerte nicht mehr zur Verfügung stehen.
Sheeran distanziert sich – die Vorbands nicht
Der britische Superstar selbst äußerte sich wenige Tage nach dem Eklat öffentlich und stellte klar, dass die Entscheidung, den Rapper aus dem Programm zu nehmen, nicht von ihm persönlich, sondern von den jeweiligen Veranstaltern und Spielstättenbetreibern getroffen worden sei. Er betonte, weder das Publikum, das die Konzerte bereits geplant habe, noch die Crew und die übrigen Mitwirkenden im Stich lassen zu wollen, die von der Fortführung der Tour wirtschaftlich abhängig seien.
Diese Erklärung konnte die Wogen jedoch nicht glätten. Kurz darauf gaben gleich mehrere weitere Künstlerinnen und Künstler bekannt, ihre geplanten Auftritte als Vorprogramm ebenfalls abzusagen. Darunter befinden sich ein irischer Singer-Songwriter, eine irische Band, die in der Vergangenheit gemeinsam mit dem Popstar Songs geschrieben hatte, eine dänische Musikgruppe sowie ein US-amerikanischer Musiker und Produzent, der Bruder eines weltbekannten Popstars ist. In ihren Stellungnahmen verwiesen die Künstler unter anderem auf die eigene Geschichte kolonialer Unterdrückung und betonten, dass Musikschaffende in ihrer Meinungsäußerung nicht mundtot gemacht werden dürften. Damit steht der britische Sänger nun de facto ohne Vorprogramm da.
Ein Streit, der weit über die Bühne hinausreicht
Der Vorfall reiht sich in eine wachsende Zahl von Beispielen ein, in denen sich der bewaffnete Konflikt im Nahen Osten unmittelbar auf die internationale Kulturszene auswirkt. Kommentatoren unterschiedlicher politischer Lager haben sich seither zu Wort gemeldet: Während einige die Haltung des Stadionbesitzers als notwendigen Schritt gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen, werfen andere ihm vor, mit dem Ausschluss des Rappers dessen politisches Anliegen erst recht in den Mittelpunkt gerückt und ihm damit ungewollt zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft zu haben. In mehreren Kommentaren wird zudem kritisiert, dass in der öffentlichen Stellungnahme keine konkreten Beispiele für die behauptete antisemitische Rhetorik genannt worden seien.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie tief der Gaza-Krieg mittlerweile in Bereiche hineinwirkt, die auf den ersten Blick nichts mit Politik zu tun haben. Für die Musikindustrie bedeutet die Entwicklung eine schwierige Gratwanderung zwischen wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlicher Verantwortung und der Frage, wie viel politische Meinungsäußerung auf großen kommerziellen Bühnen künftig noch Platz haben soll.
Tourverlauf trotz Ausfällen
Trotz des kompletten Wegfalls des Vorprogramms soll die laufende Nordamerika-Etappe der Welttournee nach bisherigem Stand fortgesetzt werden, mit weiteren Stationen in den kommenden Wochen, ehe die Tour im weiteren Jahresverlauf durch Lateinamerika führt und schließlich in Mexiko-Stadt endet.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
Quellen: ZDFheute, SRF, Tagesanzeiger, Rolling Stone, ESPN, Al Jazeera, WBUR, The Forward, Boston Globe
