
Festnahme am Rande des Labour-Parteitags in Liverpool
Robert Del Naja, unter dem Künstlernamen 3D bekannter Kopf der Bristoler Band Massive Attack, ist am vergangenen Samstag in Liverpool von der britischen Polizei festgenommen worden. Anlass war seine Teilnahme an einer stillen Sitzblockade in unmittelbarer Nähe des Labour-Parteitags, der in diesem Jahr erstmals unter der Führung des neuen Premierministers Andy Burnham stattfand. Del Naja hatte sich an der Aktion mit einem selbst beschrifteten Schild beteiligt, auf dem er sich gegen das Vorgehen in Gaza aussprach und zugleich Solidarität mit der Gruppierung Palestine Action bekundete. Videoaufnahmen von der Festnahme zeigen, wie der Musiker gegenüber den Beamten äußert, den ihm vorgeworfenen Tatbestand nicht nachvollziehen zu können, bevor er von seinem Sitzplatz weggeführt wird.
Vorwurf: Unterstützung einer verbotenen Organisation
Der Vorwurf gegen Del Naja lautet auf Unterstützung einer als terroristisch eingestuften Organisation. Palestine Action war im vergangenen Jahr von der britischen Regierung offiziell verboten worden, seither gilt bereits das öffentliche Bekunden von Sympathie für die Gruppe als Straftatbestand nach dem Antiterrorgesetz. Für Del Naja ist es bereits die zweite Festnahme in diesem Zusammenhang: Bereits im April war er im Rahmen einer ähnlichen Protestaktion in Gewahrsam genommen worden, damals gemeinsam mit mehreren hundert weiteren Demonstrierenden.
Gemeinsamer Appell an Premierminister Burnham
Kurz vor seiner erneuten Festnahme hatte sich Del Naja gemeinsam mit der Mitbegründerin von Palestine Action, Huda Ammori, sowie dem bekannten Menschenrechtsanwalt Michael Mansfield in einer Videobotschaft an Premierminister Burnham gewandt. Darin appellierten die drei an ihn, die Einstufung der Organisation als terroristische Vereinigung wieder aufzuheben. Sinngemäß machten sie deutlich, dass sie nicht glaubten, der Regierungschef selbst halte die inzwischen zahlreich verhafteten Unterstützerinnen und Unterstützer tatsächlich für Terroristen, und forderten ihn auf, diese aus ihrer Sicht offensichtlich falsche Einordnung zu korrigieren.
Frühere öffentliche Nähe zwischen Burnham und Del Naja
Die aktuelle Konfrontation wirkt insofern bemerkenswert, als Burnham und Del Naja im vergangenen Jahr noch gemeinsam öffentlich für den sogenannten Fossil-Fuel-Non-Proliferation-Vertrag aufgetreten waren. Burnham hatte den Musiker damals ausdrücklich für seine klare Haltung und seine Vorbildfunktion gelobt. Dass ausgerechnet unter seiner nun als Premierminister verantworteten Regierung die Festnahme erfolgte, wurde von der Protestorganisation Defend Our Juries, die die Aktion in Liverpool mitorganisiert hatte, entsprechend pointiert kommentiert.
Hintergrund: Zahlreiche Festnahmen seit dem Verbot
Die Organisation Defend Our Juries steht hinter der Kampagne, die sich unter dem Motto gegen die Terror-Einstufung von Palestine Action richtet und in den vergangenen Monaten wiederholt zu stillen Protestformen mit Schildern aufgerufen hat. Nach offiziellen Angaben des britischen Innenministeriums wurden im Zeitraum bis März dieses Jahres in Großbritannien landesweit rund 2.800 Personen im Zusammenhang mit der Unterstützung von Palestine Action festgenommen. Etwa 480 dieser Fälle führten zu einer Anklage, während weit über 2.000 Betroffene gegen Auflagen wieder freigelassen wurden. Eine im August vergangenen Jahres veröffentlichte Umfrage unter Labour-Parteimitgliedern hatte zudem ergeben, dass eine deutliche Mehrheit von rund 71 Prozent das Verbot der Organisation ablehnt.
Rechtlicher Streit vor dem Obersten Gerichtshof
Die grundsätzliche juristische Auseinandersetzung um die Einstufung von Palestine Action ist noch nicht abgeschlossen. Der britische Supreme Court soll sich im November mit der Frage befassen, wo die Grenze zwischen legitimer politischer Meinungsäußerung und strafbarer Unterstützung einer verbotenen Organisation verläuft. Der Fall um Del Naja reiht sich damit in eine größere gesellschaftliche Debatte ein, die weit über die Musikszene hinausreicht und in den kommenden Monaten voraussichtlich weiter an Aufmerksamkeit gewinnen dürfte.
Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de
