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Van der Graaf Generator live at Brewhouse, Gothenburg 2021
Gunnar Creutz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Album, das Zeit zum Reifen brauchte

Am 25. September 2026 erscheint mit „Tears In Time“ das neue Werk von Peter Hammill, dem Gründer und unverwechselbaren Sänger von Van der Graaf Generator. Veröffentlicht wird es bei Esoteric Antenna Records, einem Ableger von Cherry Red, als Vinyl, CD und Download. Es ist das erste Album des Briten mit neuem Songmaterial seit „From The Trees“ aus dem Jahr 2017. Sein bislang letztes Album, „In Translation“ von 2021, bestand ausschließlich aus Coverversionen. Die Wartezeit erklärt sich auch dadurch, dass Hammill seine Platten längst nicht mehr in wenigen Wochen fertigstellt.

Elf Songs aus mehr als drei Jahrzehnten

Die elf Stücke entstanden an verschiedenen Standorten seines Heimstudios Terra Incognita, und zwar in einem Zeitraum von 1991 bis 2026. Manches Material lag also lange in seinem Archiv, bevor es einen Platz fand. Hammill beschreibt das so, dass unfertige Aufnahmen aus früheren Projekten irgendwann von selbst wieder auftauchen und sich ihm erneut aufdrängen. Über einen langen Zeitraum arbeitete er an vielen Ideen, ohne ein konkretes Albumkonzept vor Augen zu haben. Erst als sich elf Songs trotz ihrer stilistischen Unterschiede als zusammengehörig erwiesen, begann er, sie gezielt zu überarbeiten, zu orchestrieren und zu arrangieren, damit sie klanglich ein geschlossenes Ganzes ergeben.

Vom Experiment zum Song

Besonders aufschlussreich ist die Geschichte von „Heavy Weather“ und „Tabula Rasa“. Beide begannen als experimentelle Instrumentalstücke, die in der Bath-Phase seines Studios aufgenommen wurden. Ursprünglich dachte Hammill nicht daran, sie je mit Gesang zu versehen. Für „Heavy Weather“ entstand zunächst eine schlichtere Songfassung, weil er früh nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine gebeten wurde, einen Beitrag für eine Unterstützungs-Compilation zu liefern. Diese Entstehung prägt bis heute den Text. Er selbst sieht das Arbeiten an Aufnahmen über so viele Jahre auch als eine Art Zeitreise: Wer eine Platte über Jahre hinweg fertigstellt, ist am Ende nicht mehr dieselbe Person, die sie begonnen hat.

Die Tracklist im Überblick

Auf der ersten Seite der Vinyl-Ausgabe stehen „For A Rainy Day“, „The Wheels“, „Heavy Weather“, „Angle Of The Curve“ und „So Much Water“. Die zweite Seite versammelt „Tabula Rasa“, „Oh The End“, „Red Flags (In The Sunset)“, „You’ll Never Know“, „The Half Of It“ und „And When He Ran“. Das Label bezeichnet die Sammlung als nachdenklich und persönlich und verweist auf die stilistische Bandbreite, die für Hammills Schaffen seit über fünf Jahrzehnten typisch ist.

Erste Stimmen: fordernd, düster, lohnend

Bereits vorab hat das Album erste ausführliche Reaktionen ausgelöst. Der britische Musikblog The Organ beschreibt die Platte als schwer zugänglich und für Hammill-Verhältnisse ausgesprochen dunkel. Der Rezensent räumt ein, dass er mehrere Anläufe brauchte und das Album zwischenzeitlich beiseitelegte. Nach etwa einem Monat kam er zu dem Schluss, dass die Sammlung als geschlossenes Werk funktioniert und zu seinen stärksten Arbeiten zählt. Besonders hebt er „For A Rainy Day“ hervor. Sein Fazit: Das Album verlange Geduld, belohne sie aber, und es klinge so lebendig wie alles, was der Sänger je gemacht habe.

Figuren statt Selbstporträt

Im Gespräch mit dem Magazin It’s Psychedelic Baby betont Hammill, dass ein Song seine eigene Wahrheit erzählen müsse. Das lyrische Ich in seinen Stücken sei nur selten er selbst. Er begreife Songs als kleine Drehbücher, in denen er eine Figur bewohnt und ausgewählte Situationen erforscht, ähnlich wie ein Romanautor oder Dramatiker. Die Arbeit selbst beschreibt er als einsames Schaffen in einem Raum, in dem die Außenwelt keinen Zutritt hat. Dass er nicht Romanautor wurde, erklärt er mit fehlender Geduld für lange Prosa und mit der Erkenntnis, als Songschreiber besser zu sein. Musik erzähle zudem selbst Geschichten, nicht nur die Texte.

Ein Studio voller Klangexperimente

Heute arbeitet Hammill überwiegend mit Software-Instrumenten und Klangwerkzeugen aus dem Soundtrack-Bereich, als Aufnahmeplattform dient ihm Cubase. Am Prinzip hat sich für ihn wenig geändert: Schon zu Zeiten der Analogtechnik nahm er viel Material auf, schnitt, überblendete und setzte Songs aus einzelnen Teilen zusammen. Aus reinem Geräusch und Musique concrète entstehen bei ihm immer wieder Ansätze für neue Stücke. Ein weiteres Album, das aus solchen Klangflächen erwächst, deutete er bereits an.

Live-Auftritte zwischen Rückschau und Neubeginn

Im Sommer 2026 stand Hammill beim Prog Rock Prom in der Londoner Royal Albert Hall auf der Bühne. Dort sang er mit dem BBC Concert Orchestra „Refugees“ in einem Arrangement von Adam Dennis, gemeinsam mit Schlagzeuger Carl Palmer. Er beschreibt die Erfahrung als großartig, ohne den Wunsch zu haben, selbst regelmäßig mit Orchester aufzunehmen. Für seine eigenen Konzerte gilt: Er schreibt die Setliste wenige Stunden vor dem Auftritt und versucht sie dann zu vergessen, damit er sich auf der Bühne selbst überraschen kann. Die Songs des neuen Albums muss er erst noch einstudieren, da er sie live noch nie gespielt hat.

Ein Künstler, der weitermacht

Mit „Tears In Time“ zeigt Hammill, dass sich auch nach mehr als fünfzig Jahren Karriere, dem Aufbau des eigenen Labels Fie! in den frühen Neunzigern und einem umfangreichen Katalog neue Wege finden lassen. Die Pflege seines Backkatalogs liegt inzwischen bei Cherry Red und Esoteric. Er selbst sagt, er sei froh, dass Songs noch immer den Weg zu ihm finden, und dass er noch nicht am Ende sei.

Author: Franz Lemmler © 2026 Xenopolias.de

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